← Zurück zum Blog
Inhaltsverzeichnis
Die Drud am Fenster – Eine unheimliche Geschichte aus der alten Sitzweil
✦

Die Drud am Fenster – Eine unheimliche Geschichte aus der alten Sitzweil

Wenn draußen der Wind um die Häuser pfiff, die Nächte länger wurden und das Feuer im Ofen knisterte, begann früher auf dem Land die Zeit der Geschichten.

Man kam in der warmen Stube zusammen, erzählte von vergangenen Zeiten, von seltsamen Begegnungen und Dingen, für die niemand eine Erklärung hatte. Solche Zusammenkünfte wurden regional unter verschiedenen Bezeichnungen überliefert. Eine davon ist die Sitzweil.

Besonders beliebt waren unheimliche Erzählungen über Hexen, Geister, Wiedergänger und jene geheimnisvollen Wesen, vor denen schon die Großeltern gewarnt hatten.

Eines davon war die Drud.

Wer oder was ist die Drud?

Die Drud gehört zum alten Volksglauben des süddeutschen und österreichischen Raumes. In den Erzählungen erscheint sie häufig nachts und bedrängt schlafende Menschen.

Man erzählte sich, sie könne sich auf die Brust eines Schlafenden setzen. Der Betroffene könne sich plötzlich nicht mehr bewegen, bekomme kaum Luft und spüre eine schwere Last auf seinem Körper.

Heute lassen sich manche solcher Erfahrungen mit dem Phänomen der Schlafparalyse erklären. Für die Menschen früherer Jahrhunderte waren solche nächtlichen Erlebnisse jedoch zutiefst unheimlich.

Und so entstanden Geschichten, die von Generation zu Generation weitererzählt wurden.

Eine davon könnte in einer alten Sitzweil ungefähr so geklungen haben:

Die Drud am Fenster

Es war einmal ein alter Bauernhof weit draußen am Rand eines kleinen Dorfes.

Hinter dem Haus begann der Wald.

Die Alten im Dorf warnten schon seit langer Zeit:

„Wenn's nach Mitternacht dreimal ans Fenster klopft, dann schau bloß net raus.“

Warum, das sagte keiner.

Eines Abends saßen der Bauer und seine Frau noch in der Stube. Draußen tobte ein schwerer Herbststurm. Der Wind fuhr durch die Bäume und ließ die alten Balken des Hauses knarren.

Kurz vor Mitternacht ging die Bäuerin zu Bett.

Der Bauer blieb allein beim Ofen sitzen.

Da hörte er plötzlich:

Klopf.

Er sah zum Fenster.

Nichts.

Wenig später:

Klopf. Klopf.

„Wird halt a Ast sei“, murmelte er.

Doch unmittelbar vor dem Fenster stand überhaupt kein Baum.

Da erinnerte er sich an die Worte seiner Großmutter:

„Wenn's dreimal klopft, mach koa Fenster auf.“

Der Bauer schüttelte den Kopf.

„So a Schmarrn.“

In diesem Augenblick kam das dritte Klopfen.

KLOPF.

Langsam ging er zum Fenster.

Draußen war nur die schwarze Nacht.

Gerade wollte er nach dem Fensterladen greifen, als hinter ihm die Stimme seiner Frau erklang:

„Mach's net auf.“

Erschrocken drehte er sich um.

Die Stube war leer.

Seine Frau schlief oben in der Kammer.

Dann hörte er ihre Stimme erneut.

Diesmal kam sie von draußen.

Direkt vor dem Fenster.

„Mach's auf …“

Es war die Stimme seiner Frau.

Und doch klang sie anders.

Tiefer.

Fremder.

Der Bauer wich zurück.

Plötzlich scharrte etwas über die Außenwand des Hauses.

Kratz … kratz … kratz …

Als würden lange Fingernägel über den Putz fahren.

Dann kamen Schritte vom Dach.

Ein Schritt.

Noch einer.

Direkt über der Stube blieben sie stehen.

Da ertönte oben ein Schrei.

Seine Frau!

Der Bauer rannte die Treppe hinauf und riss die Tür zur Schlafkammer auf.

Die Bäuerin saß kerzengerade im Bett und rang nach Luft.

Mit zitternder Hand zeigte sie zum Fenster.

Auf der Außenseite der Scheibe waren fünf lange Abdrücke zu erkennen.

Wie die Finger einer Hand.

Nur waren sie viel zu lang.

„Dann war's bei dir.“

Am nächsten Morgen erzählte der Bauer einem alten Mann aus dem Dorf, was geschehen war.

Der Alte hörte schweigend zu.

Schließlich sagte er:

„Dann war's bei dir.“

„Was war bei mir?“

Der Alte sah ihn lange an.

„D'Drud.“

Der Bauer lachte nervös.

Der Alte jedoch nicht.

„Sei froh, dass'd des Fenster net aufgmacht hast.“

„Und wenn ich's aufgemacht hätt?“

Der Alte zog seine Jacke an und ging zur Tür.

Bevor er hinausging, drehte er sich noch einmal um.

„Dann hätt deine Frau gestern Nacht vielleicht draußen ans Fenster geklopft.“

Seit jener Nacht öffnete der Bauer nach Mitternacht kein Fenster mehr.

Und wenn im Herbst der Wind vom Wald herunterkam, glaubte er manchmal, wieder dieses Geräusch zu hören:

Klopf.

Klopf.

Klopf.

Die Sitzweil – wenn Geschichten lebendig wurden

Solche Erzählungen lebten davon, dass sie weitererzählt wurden. Niemand brauchte Fernsehen oder Internet. Eine dunkle Stube, ein knisterndes Feuer und ein guter Erzähler genügten.

Dabei vermischten sich tatsächliche Erlebnisse, alter Volksglaube und Fantasie immer wieder miteinander.

Gerade Geschichten über die Drud zeigen, wie Menschen früher versuchten, unerklärliche nächtliche Erfahrungen zu verstehen.

Ob man heute an solche Wesen glaubt oder sie als Teil alter Sagen betrachtet, bleibt jedem selbst überlassen.

Doch vielleicht erinnerst du dich beim nächsten Klopfen am Fenster an die alte Warnung:

Wenn es nach Mitternacht dreimal klopft … mach nicht gleich auf.


← Zurück zum Blog
✦

Bleibe magisch verbunden

Erhalte Neuigkeiten, Ritualwissen und Angebote direkt in dein Postfach.

Kommentare (0)

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Anmelden, um einen Kommentar zu schreiben.